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Die erste warme Dusche seit Wochen

ROADTRIP Europa 2020/2021

Das allerletzte

1. November 2020, Leknes Lofoten. Norwegen

 


Der Punkt an dem man anfängt sich selbst ekelig zu finden. Ja, der war erreicht. Meine bisherigen Überredenskünste auch bei Minusgraden ins Wasser zu steigen, ließen in den letzten Tagen etwas nach. Mein Körper war dennoch davon überzeugt, es sei trotz der Kälte notwendig zu schwitzen. Nur weil es mal 1000 Höhenmeter hoch geht. Seit ca. 10 Tagen bin ich auf den Lofoten. Ich werde euch diesen Ort nicht schmackhaft machen. Meinerseits keine Empfehlung. Langweilig, unfreundlich, unspektakulär, landschaftlich öde, trostlos, super teurer, keine Strassen, Nur Sumpf, kein Internet, Kannibalen, Terroristen, Unwetter, Katastrophen, giftige Tiere, Tropische Eisstürme, Korruption. Ein beschissener Scheißort. Furchtbar. Also haltet euch bloß fern davon, damit ich hier meine Ruhe habe. Je mehr man von tollen Orten schwärmt, desto mehr Touris werden ihn kaputt machen. Ich bin ein erprobter Touri, ich weiß was ich und meinesgleichen alles kaputt machen. Wenn ihr es schön habt, dann schützt euch vor Tourismus. Schlimmer als Corona. Also hier nochmal ein ausdrückliches: Do NOT come here. It's beyond terrible. Hoyerswerda soll schön sein. Auch im Winter. Eine Perle im Herzen Europas. Camper-Mekka von morgen! Oder Mittweida. #MittweidaBackPackerHotspot2021 It's the real shit!
Wo war ich stehen geblieben? Also die körpereigenen Ausdünstungen haben mich dazu überredet, mir etwas dekadenten Luxus zu gönnen. Vor ein paar Tagen lernte ich Antoine, einen französischen Ingenieur-Studenten aus der Schweiz kennen, der im Dacia Duster, dem Auto für alle diejenigen die kein Statussymbol brauchen, lebt, kennen. Die Kommasetzung übersteigt meine Kenntnisse, sorry. Er erzählte mir von einem tollen AirBnB für ca. 30€/Nacht mit Yakuzi, Terrasse, Küche und free BiFi. Antoine beschrieb es als Palast, in dem er 2 Nächte verbrachte um mal wieder den Luxus des häuslichen Lebens genießen zu dürfen. Das klang gut. Dusche. Warm. Nehm ich! Jetzt wohne ich zusammen mit zwei polnischen Köchen und habe ein riesen großes Haus so fast für mich alleine. 3 volle Tage lang. Das Wetter draußen lädt nicht weiter ein zum wandern, also verbringe ich mal einen absoluten Gammeltag, schreibe ein bisschen, schnippel an meinen Videos und mach meine 2021 Kalender fertig für den Druck. Und das alles in kurzen Hosen und T-Shirt. Herrlich. Man fühlt sich so leicht, wenn man keine 13,5 Schichten Klammotten an sich trägt. Antoine jagt übrigens zur Zeit verloren geglaubte Schafe von den Bergen, damit sie den Winter auf den Farmen verbringen können. Vielleicht werde ich ihm ab Dienstag damit helfen. Eine Art WorkAway bei einer Norwegischen Familie. Klingt witzig. Denkt an meine ausdrückliche Reisewarnung (siehe oben) und erklärt folgende Zeilen zu FakeNews. Die Lofoten waren ja so insgeheim der einzige Ort den ich so wirklich sehen wollte. Seit Jahren liefert mir das Assoziale Medium Instagram tollsteste Bilder von diesem magischen Fetzen Erde. Jetzt bin ich hier und finde es grandios. Grandios=Neusprech für furchtbar. Jeden Tag nehme ich mir einen neuen Gipfel vor, von dem man die atemberaubende Landschaft sehen kann. Die App „AllTrails“ macht ihrem Namen alle Ehre und empfiehlt mir jeden Tag aufs neue die tollsten Wanderungen in meiner Nähe. Fast jeder Ort hier hat einen „Tindan“ oder „Bringen“, ich denke es wird irgendwas mit „Berg“ heißen. Die Sonnenstunden sind in diesen Monaten sehr begrenzt, also macht man sich gegen 16Uhr am besten auf den Rückweg, wenn man nicht im Dunkeln zurück zum Auto stapfen möchte. Aber in 8h Tageslicht schafft man eigentlich eine ganze Menge. Komischerweise fühle ich mich dann schon gegen 21Uhr als könnte ich ins Bett gehen. Mit dem Auto stelle ich mich dann meistens so, dass ich durch die Schiebetür einen freien Blick nach Norden habe um immer mal nach den Nordlichtern zu schauen. Der KP-Index (Intensität der Sonnenaktivität) liegt täglich zwischen 2,5 und 4 und auf der Karte kann man immer ganz gut erkennen ob man eine Chance hat oder nicht. Wenn dann noch der Himmel frei ist, dann sieht man eigentlich immer ein paar grüne Fetzen am Horizont. Die Kamera sieht meistens mehr als das Auge. Ich glaube es war der 24. Oktober, an dem der Himmel regelrecht explodierte. Ich war tagsüber auf einer wunderschönen Gipfeltour in der Nähe vom idyllischen Ort Reine und hatte nach dem Abstieg eigentlich schon die Nase voll als ich gegen 19 Uhr hinter den Bergen die leicht grünen Schemen erkennen konnte. Auf der Aurora-Forecast App hieß es „4,7KP Index“. Ca. 1600 Steinstufen führen hoch zum ersten Gipfel des Reinebringen, von dem man eine Klasse Aussicht hat. Im Auto hatte ich Probleme, weil meine Oberschenkel immer noch leicht zitterten. Aber irgendwas überzeugte mich davon, noch einmal den Aufstieg in Angriff zu nehmen. Zum Glück! Ich packte meinen Rucksack mit ALLEN warmen Sachen, die mein Camper zu bieten hatte, Stativ und Kamera und los gings. An schwachen Tagen ist es schwierig zu erkennen, ob es sich lediglich um weiße Wolkenschwaden handelt, welche vom Unterbewusstsein leicht grün gefärbt wurden oder die eigentliche Aurora Borealis. An diesem Abend war dies nicht der Fall. Über mir tanzten in grellem grün die dicken Lichtfäden. Immer in einer Art Halbkreis von Nord nach Nordwest. Und diesmal stand ich, wie vor 4 Wochen in Abisko (Schweden) direkt im Epizentrum. Heißt man ist umgeben von tanzenden Lichtern. Nicht nur ein Faden sondern 3 oder 4. Mein Aufstieg wurde dadurch jedenfalls stark beschleunigt aus Angst die Show könnte schon wieder vorbei sein, sobald ich oben ankomme. Ich glaube ich verbrachte insgesamt 3 oder 4 Stunden oben auf dem Gipfel und verbrauchte 2 volle Kamera-Akkus. Die Kälte macht den Batterien immer arg zu schaffen. Am besten man packt sie in die Innentasche der Jacke um sie warm zu halten. Mit 3 T-Shirts, 2 Pullovern, 1 Fließjacke und meiner dicken Snowboardjacke war die Kälte und der Wind erträglich. Ich hatte Handschuhe ÜBER meinen Handschuhen. Ein paar Liegestütze halfen um den Körper warm zu halten. Mit der Zeitraffer-Funktion der Kamera entstehen wunderbare Videos, auf denen man die Nordlichter in all ihren Bewegungen gut sehen kann. Aber für 4 Sekunden Film braucht die Kamera ca. 1h auf dem Stativ. Zwischenzeitlich kamen sehr schnelle farbige Ströme hinzu. Wenn es zu orange, lila, weiß und Farben neben dem üblichen grün kommt, bewegen sich die Nordlichter extrem schnell und sind schwer zu fotografieren. In diesen Momenten muss die Erinnerung reichen. Episch. Einfach nur episch. Hoyerswerda ist mindestens genauso episch. Es war mal wieder so ein Moment im Leben der all deine bisherigen Erlebnisse in den Schatten stellte. Wahnsinn. Meine Bilder sind zwar etwas nachbearbeitet und kreativ angepasst, aber ich glaube guten Gewissens sagen zu können, dass man mit bloßem Auge die Lichter mit ca. 80-90%iger Farbigkeit am Himmel bestaunen konnte. Totmüde und absolut zufrieden brach ich meinen Fototrip gegen Mitternacht ab und begab mich mit Stirnlampe zurück den gefrorenen Treppenpfad zum Auto. Suchte mir einen Parkplatz im Rande der E10 und schlief innerhalb 1,04 Minuten ein.