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Lofoten - Gleichgesinnte

Und dann kam Antoine...

Ende Oktober, die Lofoten leiden immer noch an chronischen Wetterschwankungen. Es gießt, es weht, es scheint, es friert, es brennt. Naja, brennen kommt wohl eher selten vor. Schließlich liegt jedes Grundstück am Wasser. Die Norweger könnten vermutlich jedem Europäer ein Wassergrundstück verkaufen und würden immer noch in Ruhe und Frieden leben. Mit ca. 53,000 Küstenkilometern schieben sich die Norweger mit 20,000km Abstand an Indonesien vorbei und liegen knapp hinter Australien (66,000km) und landen auf Platz 7 der Länder mit der längsten Küstenlinie. Ich hatte die große Auswahl. Jeden Abend parkte ich mein Haus an einer neuen Küstenstelle und genoss den morgendlichen Kaffee mit verschiedensten Wettereinflüssen.

 

Auf meinen Wanderungen traf ich eigentlich fast täglich mindestens eine Person, mit der man mal in Ruhe quatschen konnte. Ein paar Erasmus-Studenten hier, ein paar Norweger dort. Und ab und an mal ein Tourist. Jedoch fehlte mir ein Reise-Buddy. Jemand, mit dem man mal ein paar Tage am Stück unterwegs ist. Also wählte ich meinen Parkplatz in einer etwas belebteren Umgebung. Ein beliebter Surfstrand schien ein geeigneter Ort dafür zu sein. Tagsüber reihten sich immer ein halbes Duzent Vans am Strandparkplatz. Die Kennzeichen zeigten einen schönen Querschnitt durch Europa. Perfekt. Zwar lag ich das letzte mal vor 8 Jahren auf einem Surfbrett und das im warmen Indonesien. Dort ließ ich mir von den Jungs aus Denpasar zeigen, wie man entspannt über die Wellen cruised, aber zuschauen geht auch ohne Ausrüstung. Jedoch bin ich der festen Überzeugung, dass es eine Dunkelziffer an Surfern gibt, die sehr wohl nur den Schein des unerschrockenen Extremsportlers wahren. Folgendes Bild konnte ich in vielen Ländern beobachten. Man erkennt sie schon von Weitem. Die Oakley Sonnenbrille, die fest mit der Nasenwurzel verbunden ist, das lange, wilde, meist offene Haar, ein Bart. Dazu die ganze Palette Surfer-Mode, lange Shirts, kurze Hosen, Lederbänder an Hand und Fussgelenk. Auf die Motorhaube eines in den 80er/90er gebauten Van oder alten Pickup-truck gelehnt, beobachten Sie stundenlang die Wellen und entscheiden sich nach langer Überlegung dann lieber doch nicht ins Meer zu hüpfen. Im Van befinden sich immer eine Auswahl an Brettern für den optimalen Einsatz, ein Skateboard und eine Gitarre. Die Heckscheibe ist zum Teil mit Surfstickern beklebt oder mit den typischen Surf-Sprüchen versehen. Woher ich mir das Recht herausnehme, solche Behauptungen aufzustellen? Ich gehörte schließlich auch mal zu dieser Gruppe von Möchtegernsurfern. 2 Bretter auf dem Dach, einen kurzen und einen langen Wet-Suit im Gepäck, genug Wachs für eine Dinnerparty aber nur selten im Wasser. Mir fehlte jedoch die Gitarre. Es spricht der pure Neid. Auch ich gesellte mich zu den Beobachtern und fing ein paar random Gespräche mit den Schaulustigen an. Im Wasser waren auch zwei oder drei, aber deutlich weniger als draußen. Schließlich waren es nur 7 Grad. Das sind weniger als 10. Gegen Abend verschwanden die meisten und es blieben nur drei Fahrzeuge über Nacht. Wie ich herausfand, ein Fotografen-Paar aus Deutschland mit Hund, die seit 3 Jahren im T2 unterwegs waren und von überall aus Produkt-Fotografie betrieben. Sie erzählten mir etwas von einer Holzbürsten-Kapagne, die sie am nächsten Tag noch im Kasten haben wollten. Beides erfahrene Surfer, die sich den Traum von Leben, Reisen, Hobby und Beruf in einem, ermöglicht haben. Toll! Ein Gedanke, der auch mir nicht fremd ist.
Am nächsten Morgen lernte ich auch den Bewohner des zweiten KFZs kennen, der über Nacht am Strand geblieben ist. Auf dem Weg zum Strand begrüßte mich ein junger Mann, der vor mir aus einem Dacia Duster mit Schweizer Kennzeichen stieg. Nach einem kurzen „Hallo“, „geiler Platz oder?“ „letzte Nacht auch die Nordlichter gesehen?“ „Na wie lange bist du schon hier?“, „woher kommst du?“, „wie lange bist du noch unterwegs?“, „was sind deine Pläne?“, „was machst du sonst so?“, „Krass, in der Karre wohnst du?“ „bock aufn Kaffee ohne Regen und Wind?“ „joa geht los, gib mir 5 Minuten, ich steh da drüben“, „wie heißt du eigentlich?“, lernte ich bei zwei Tassen Kaffee Antoine aus Frankreich kennen. Genau wie ich nahm er sich ein Jahr frei mit dem Plan die Welt zu entdecken. Eigentlich Neuseeland, aber dann wegen Corona, dann doch nicht, und so weiter... 2020 und die Reiselust, man muss die verbleibenden Lücken im System nutzen. Mit manchen Leuten merkt man gleich am Anfang; coole Person, lass mal was zusammen unternehmen. Drei Stunden später standen wir auf einem neuen Gipfel und blickten gemeinsam über die wolkenverhangenen Bergketten der Lofoten. Ich erzählte Antoine, dass ich mir jeden Tag einen neuen Gipfel vornehme und diese Idee schien auch ihm zu gefallen. Eigentlich war er zum Surfen und Kitesurfen hier oben. Noch so ein Verrückter. Wir beschlossen jedenfalls ein paar Tage zusammen unterwegs zu sein. Er kannte einen guten Surfspot an dem wir die Nacht verbrachten. Daran hätte ich auch nicht gedacht. Surfen in Norwegen bei Eis und Kälte. Am selben Abend, in einem gemütlichen Café gab es jedenfalls erstmal eine der beliebten Zimt-Schnecken und Kaffee gefolgt von einem Bier. Über die Preise möchte ich an dieser Stelle nicht sprechen. Aber es war eine gelungene Abwechslung zu meinen Nudeln mit Pesto Rosso mit Käse gerieben vom 1kg-Block.