· 

19. November 2020, Kafjord (near Nordkapp). Norwegen

Also wenn ihr mal Ruhe braucht, dann hätte ich den perfekten Ort für euch. Wartet einfach bis eine weltweite Pandemie ausbricht, alle Grenzen dicht gemacht werden und schleicht euch nach Norwegen. Nicht nur einfach nach Norwegen sonder bis ans allerletzte Ende von Norwegen. Und das ganze macht ihr Mitte November. Dann könnt ihr recht sicher gehen, dass ihr alleine seid^^. Ich sitze ca. eine Stunde entfernt vom Nordkapp am Rande eines selten bis nie befahrenen Feldweges ca. 1km entfernt von der einzigen befahrenen Straße hier in der Gegend. Die einzigen Geräusche kommen vom Wind der teilweise sturmartig das Auto zum wackeln bringt. Dazu kommt das leise Klock klock klock meiner Dieselheizung, aber das hört man nach einer Weile nur noch kaum. Vor 2 Tagen habe ich all meine Vorräte aufgestockt und sollte ca. 2 Wochen ohne Zivilisation auskommen. Vielleicht mal ein frisches Brot oder ne Milch, aber ansonsten sollte alles reichen. Mit 85l Wasser 15l für die Dieselheizung komme ich bestimmt hin. Das einzige Problem was ich momentan habe, ist der Strom der Verbraucher-Batterie der immer knapper wird. Das Laden während dem Fahren klappt leider nicht ganz so sehr wie ich es mir dachte. Die Solarpanele sind leider schon seit ein paar Wochen im Winterschlaf und liefern nur noch 0,1W Beträge, mit den man vielleicht ein LED ärgern könnte. Das muss ich unbedingt nachrüsten, wenn ich zurück komme. Aber ich denke dass ich auf dem Weg nach Süden auf der Farm von Torunn und Jörgen mit dem Batterie-Ladegerät wieder auf 100 Prozent komme. Als mich mein Vater warnte, dass ich kaum Licht haben werde, wenn ich nach Norwegen im Herbst fahre, dachte ich mir, dass es schon nicht so schlimm werde. Nun sitze ich in einer Gegen in der die Sonne um 10:36Uhr auf und 11:27 wieder untergeht. Das sind weniger als 60min direktes Sonnenlicht,... Und es ist die meiste Zeit bedeckt und regnerische, schneirisch, graupelig, stürmerisch und kalt. Wenn man etwas vom Tag haben möchte, dann sollte man gegen 8Uhr starten. Das Wetter heute hat das Prädikat „Ekelig“ wahrlich verdient, darum kann ich mich mal wieder entspannt dem Schreiben widmen. Also was ist in den letzten Wochen so passiert?

Auf den Lofoten verfolgte ich meinen Plan, einen Gipfel pro Tag zu erklimmen, aber das Wetter machte mir hier und da einen Strich durch die Rechnung. An einem schönen Strand nähe Ramberg auf den Lofoten verbrachte ich zwei Nächte. Ein kleiner Rastplatz an der E10 mit einer Toilette und warmem Wasser. Nachts beehrten mich die Nordlichter und die Spiegelung im Wasser am Strand bot mir eine wunderbare Foto location. Auf der Suche nach einem geeigneten Ort fürs Stativ traf ich eine Hobbyfotografin die ebenfalls die Gunst der Stunde nutzte. Sie erzählte mir von ein paar tollen Orten zum Fotografieren und wir unterhielten und eine ganze Weile während wir die Nordlichter ablichteten. Der Strand schien mal wieder der perfekte Ort um ein paar Bekanntschaften zu machen. Am nächsten Morgen lernte ich ein anderes Fotografen-Paar aus Deutschland kennen die mit einem gelben VW T3 seit 3 Jahren unterwegs waren und ihr Geld als Produkt-Fotografen verdienten. Dafür schleppten sie allerhand Produkte mit sich um passende Orte zu finden um diese in Szene zu setzen. Am zweiten Morgen lernte ich Antoine kennen, der aus einem Dacia Duster ausstieg und mich anquatschte. Antoine ist 21, studiert in der Schweiz und kommt aus Marseille, Frankreich. Und das beste an ihm. Wenn er mit dabei ist, fühle ich mich zum ersten Mal als der vernünftigere Mensch im Raum. Das kommt nicht ganz so oft vor. Nach einem Kaffee und Frühstück im Van suchten wir uns einen Berggipfel und zogen los. Da ich eine ganze Weile allein unterwegs war, genoss ich die Gesellschaft. Manchmal wird aus einem netten Kaffee-Schwatz eine Freundschaft. Über 2 Wochen waren wir dann zusammen unterwegs. Die verrückte Nuss erzählte mir von einem berühmten Surf-Spot auf den Lofoten, den wir noch am selben Abend ansteuerten. Artic Surf Center,... nun ja. Das letzte Mal, dass ich auf einem Surfboard lag, ist nun auch schon wieder 8 Jahre her. Ich glaube es war in Kuta, Bali. Indonesien. Irgendwann im Sommer 2012, als ich mit meinem Bruder die wahrscheinlich wahnwitzigste Mottorad-Tour meines Lebens erleben durfte. Wir bestachen damals eine hand voll Leute, damit uns der Polizeichef von Bali offizielle Motorradführerscheine ausstellte. Aber das ist eine andere Geschichte. Die Temperaturen am Haukland Beach waren kurz unter 0 und er herrschte eisiger Wind, aber die Wellen schienen perfekt. Meine Lust ins eiskalte Wasser zu springen hielt sich in Grenzen und ich überließ Antoine den Wellen und übernahm das Fotografieren und filmen mit der Drohne. Wenn ich jetzt daran zurück denke, hätte ich mir auch einen Wet-Suit und Brett ausleihen sollen, aber.... Mimimimi ;) Nach ca. 1h kam ein völlig erfrorener Franzose an den Strand gepaddelt und war mindestens genauso aufnahmefähig wie ein 14 Jähriger Teenager im Deutschunterricht. Wir rannten gemeinsam zum Cafe in dem er das Brett ausgeliehen hatte, damit er unter einer warmen Dusche wieder zum Leben erwecken konnte. Die Besitzerin kam ca. 2 Minuten nachdem wir dort waren und ließ den halbtoten Antoine in die Duschräume. Mit einem Kenner-Blick beäugte sie seinen dünnen Kite-Surf-Neoprenanzug und meinte nur er solle in dem Teil nicht wieder ins Wasser gehen, es sei denn er wolle Selbstmord begehen. Wie ich schon sagte, mit Antoine zusammen bin ich die Stimmer der Vernunft. Hahah. Ich setze mich ins Cafe bestellte mir einen großen Kaffee und eine Zimt-Schnecke. Es verging ca. eine halbe Stunde als ich mal nach ihm sehen ging. Nicht das er in Ohnmacht gefallen war^^. Aber ich hörte lebendige Geräusche von drinnen und ging beruhigt zurück zu meinem zweiten Kaffee. Nach ca. 52 Minuten und 14 Sekunden kam der Mann dann zurück^^. Die 40€ für die Boardausleihe hatte er definitv wieder hereingeduscht.

Antoine erzählte mir von einem tollen AirBnB in dem er 2 tage wohnte und dass er am nächsten Abend auf eine Farm zog, auf der er für 2 Wochen wohnen und arbeiten werde. Mir gefielen beide Sachen und ich entschied mich seinem Beispiel zu folgen. Ein paar Tage Luxus konnten nicht schaden. Ich buchte 3 Nächte in einem großen Haus mit Küche in Leknes und stellte fest, dass ich nicht der einzige war, der dort leben würde. Mit mir wohnten dort 2 Polen, die in Oslo als Köche arbeiteten. Wie Antoine prophezeite, luden die beiden mich zum Abendessen ein und wir verbrachten den Abend bei Bier und lustigen Gesprächen und stellten fest, dass die polnische Regierung mit der Kirche unter einer Decke steckte und die Korruption nicht offensichtlicher sein konnte. Der Hauptgrund, warum die Beiden nicht mehr zurück nach Polen wollten. Wir einigten uns darauf, dass der hohe Klerus genau so Geld- und Macht- bessesen wäre wie die Politiker im Land, dabei nur andere Klamotten trugen.^^

Die beiden hatten auch wilde Vergangenheiten und Lebensgeschichten zu erzählen.

 

Als nächste zog eine junge Engländerin ein, die vor dem englischen Corona-Lockdown geflohen war. Eine überzeugte Tierrechtlerin, die in England Fuchsjagden vereitelte, in dem sie falsche Spuren für die Jagdhunde legte. Wen man so trifft... An meinem letzten Abend kam ein paar aus Frankreich, die im Süden Norwegens Schlittenhunde ausführten. Das Konzept nennt sich WorkAway. Bisher war mir nur Woofing ein Begriff, aber das hängt wohl eher mit ökologischem Anbau zusammen. WorkAway kann an sich jede Art von Arbeit für Kost und Logis bedeuten. Auf einer Website findet man überall auf der Welt Locals, bei denen man ein paar Wochen leben kann, ihnen mit der Arbeit hilft und dafür Essen und ein Dach über dem Kopf bekommt. Das klingt nach moderner Sklaverei, ist aber ein genialer Weg um Land und Leute kennen zu lernen. In den drei Tagen im AirBnB hatte ich genügend Gelegeheit all meine Klamotten zu waschen und meine Kalender-Fotos für 2021 fertig zu machen. Am Frühstückstisch, meinem Lieblingsarbeitsplatz. Antoine erfragte auf der Farm, ob sie noch mehr Hilfe bräuchten und als ich Torunn, die Besitzerin der Schafsfarm anrief um die Einzelheiten zu klären, schickte sie mich gleich zum Großhandel um Tierfutter zu kaufen. Die Antwort lautete Ja und ich könne so lange bleiben wie ich wöllte. Hauptsache helfende Hände.