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Überraschungen und alte Freunde,

Da der Vulkan meine Rundreise spontan unterbrochen hatte, und ich vom Nordosten, also dem am weitesten entfernten Ort vom Vulkan, quer durchs Land eierte um flüssige Lawa zu inspizieren, wollte ich nun wieder dort hin, wo ich sozusagen aufgehört hatte. Den selben Weg zurück? Wohl kaum. Also entschied ich mich nach 5 Tagen Vulkan weiter zu ziehen und der jüngsten Erdgeschichte den Rücken für ein paar Wochen zuzuwenden. An meinem letzten Abend in Grindavik schrieb mir mein alter Schulfreund Max Münch. Wir hatten schon vor Abreise ein bisschen Kontakt, weil er sich bestens in Island auskannte und mich mit Orten und Tipps versorgte. Jedoch kam diese Nachricht überraschend. Er fragte mich aus der kalten heraus: „Grüße, wie ist dein Plan für die nächsten Tage?“ Ich antwortete: „Du,... keinen genauen Plan, aber ich wollte weiterziehen.“ Max: „Bleib mal noch einen Tag in der Gegend um Reykjavik und sei morgen, Montag um 9 Uhr an folgendem Ort.“ Wenig später schickte er mir die genauen GPS Daten. Mit dem Beisatz: „Nimm deine Kamera mit“. Okay, alles klar sagte ich zu mir und rief ihn trotzdem kurz an um ein paar Fragen zu stellen, zwecks Klamotte? Schließlich sind wir in Island und da ist man besser auf das Schlimmste vorbereitet. Kleiner Rat: Ziehe dich vor jeder Wanderung so an, als würde dich ein eiskalter Schneesturm überraschen, obwohl du keine einzige Wolke am strahlend blauen Himmel erkennen kannst. Besser haben als brauchen. Eine Weisheit die mir schon oft das Leben gerettet hat. Lieber noch 2-3 Schichten Notfalljacke im Rucksack schleppen als dem Kältetod entgegen zu treten. Die Berge sind bekanntlich erbarmungslos wenn es darum geht, sich gastfreundlich um seine BergsteigerInnen zu kümmern. Am Telefon verriet mir Max aber keine weiteren Einzelheiten, aber es war schön mit ihm zu plaudern. In der Nacht pfiff ein Schneesturm über den Südwesten von Island und bedeckte das Land mit einer wunderschönen Schneedecke. In Island schneit es grundsätzlich unten links von der Seite waagerecht im Kreis. „Leise rieselt der Schnee“ kennen die Wikinger hier oben nicht. Ganz oder gar nicht. Man zählt die Sekunden herunter und bums musst du dein Auto freischaufeln, obwohl du noch vor einigen Augenblicken im T-Shirt die Sonne genossen hattest. Also machte ich mich früh auf den Weg und plante etwas mehr Fahrzeit ein. Füllte noch schnell meine 80 Liter Wasserkanister während/unter einer heißen Dusche und los ging es ins Ungewisse. Der Schnee war federweich und es ließ sich sehr gut fahren, da er regelrecht verpuffte und man direkten Kontakt zum Asphalt hatte, also kam ich rechtzeitig an Ort und Stelle an. Ich ahnte schon etwas da wir uns an einem ganz bestimmten Ort treffen sollten, Max' Freund und ich. Aus einer kleinen gelblichen Hütte winkte mir ein Mann zu und signalisierte mir zu ihm zu kommen. Ich schnappte meine Kameraausrüstung und eilte zu ihm. Haraldur nahm mich und 2 weitere Gäste in Empfang und nach kurzem Schwatz machten wir uns durch die Hintertür auf den Weg zum Rollfeld. Hinter dem Haus standen mehrere Kleinstflugzeuge der Marke Cessna und spätestens jetzt zerstreuten sich die aller letzten Zweifel was wohl passieren würde. Haraldur, aka Diego aka volcanopilot fragte mich was ich im Rucksack hätte und sagte mir nimm folgendes Objektiv und der Rest landet im Kofferraum. Äh, ja geht klar chef. Er war mir auf Anhieb sympathisch, was mir Max schon im Voraus versprochen hatte. Nach kurzer Einweisung, starteten die Rotoren und es ging auf die Startbahn. Kurze Zeit später befanden wir uns auf dem Weg zum Vulkan und hatten riesiges Glück, da direkt hinter dem Vulkan eine dunkelgraue Wetterwand auf uns wartete. Und es ging los. Linkskurve, linkes Fenster auf klick klick klick, Rechtskurve, rechtes Fenster auf klick klick klick, Linkskurve, Rechtskurve, verdammt wir haben Eis auf den Flügeln. Nicht gut. Wir müssen zurück. Aber egal, es war toll. Da ich schon 127.765 Bilder vom Vulkan hatte, konzentrierte ich mich auf das Filmen. Ein herrliches Naturschauspiel. Die ganze Welt ist weiß und ein kleines schwarzes Feld leistet unerbittlichen Widerstand und kämpft mit heißem Karottensaft gegen die Kälte. Selbst nach über einer Woche kochte und sprudelte es wie die Spaghetti in meinem Topf aus dem Krater. Unsere Runde war nach ca. 30 Minuten beendet und wir landeten sicher wieder in Reykjavik. Kurz vor der Landung zeigte mir noch mein Sitznachbar David den Sitz des Präsidenten aus dem Fenster. Ein kleines Bauerngehöft mit 2 oder 3 bescheidenen Häusern. Es ist wohl keine Seltenheit, dass man sich unter Umständen mal im Heißen Bad neben der Regierungspitze wiederfindet und mit dem Oberhaupt des Landes quatscht. Da Island ca. so viele Einwohner hat, wie Chemnitz zu Ost-Zeiten, ist das aber auch kein Wunder. Obwohl ich zugeben muss, dass ich mit der Oberbürgermeisterin von Chemnitz noch nie in einem der heißen Waschzuber auf dem Weihnachtsmarkt saß. Am Boden fanden wir noch etwas Zeit um bei einem Kaffee die Verbindung zwischen Max, Haraldur und mir zu bequatschen. Die beiden kannten sich wohl schon seit Jahren und er zählte Max zu einem seiner besten Freunde und dafür nimmt er schon mal einen Kumpel mit auf einen Rundflug über einen Vulkan. Danke dafür ihr beiden! Mit dem wahrscheinlich breitesten Grinsen nahm ich mein Telefon und rief Max an, um mich für diese überaus gelungene Überraschung zu bedanken. Freunde muss man haben, dachte ich insgeheim zu mir. Der Wahnsinn. Als ich meiner Freundin im deutschen Lockdown davon berichtete, fragte Sie mich nur woher ich all dieses verschissene Glück hernehme. Berechtigter Einwand.  

Nach diesem ereignisreichen Sonntag stand mir ganz Island offen. Wohin geht es als Nächstes? Süden, Norden, Mitte. Halt, Mitte geht nicht. Ich entschied mich für den Geysir und startete in Richtung Golden Circle, der viele der Sehenswürdigkeiten in der Nähe von Reykjavik abklapperte. Ich hielt an mindestens 2 Wasserfällen, und spazierte mutterseelenallein durch die nebelverhangenen geothermalen Schwefelquellen in Geysir. Der Ort wurde nach einer besonders hohen Wasserfontäne benannt, die regelmäßig blubb macht. Aller sieben Minuten rauscht eine 7-10 Meter hohe Wasserfontäne gen Himmel und versprüht kochendes Wasser wie auf Knopfdruck. Schlaue Ingenieure könnten daraus einen energieeffizienten Kaffeevollautomaten machen der aller sieben Minuten 1398 Tassen Heißen Kaffee brüht. Damit wird jede Kaffeefahrt zur Attraktion. Durch die kalte Jahreszeit und Corona sind kaum Menschen unterwegs und ich genieße die seltenen Menschenfreien Orte um meine Bilder zu schießen. Bevor ich mich in meinem Lehrerdasein für die nächsten Jahrzehnte niederlasse, genieße ich den letzten großen Trip in einer pandemiegeprägten Nebensaison. Die holländische Fotografin die ich vor einigen Tagen kennen lernte bestätigte mir mein Glück und erzählte von den sonstigen Menschenmassen die es unmöglich machten, vernünftige Bilder zu schießen. Jedenfalls Tagsüber. Ich grinste nur und sagte ihr, dass es auch nicht einfach war, einen Virus zu kreieren, der den weltweiten Tourismus lahmlegt, damit ich auf Island meine Ruhe haben könne. Wir mussten beide lachen. Madelon und Jaqueline, zwei Freundinnen aus den Niederlanden sind begeisterte Islandfans und werden wohl im Mai wieder kommen. Madelon hat eine eigene Fotografie-Akademie und nutzt die Corona-Zeit für ihre Landschaftsfotografie. Sie wäre zu gern geblieben und wünschte mir eine tolle Zeit. Am Abend und mit dem letzten Tageslicht kam ich zum Gullfoss, einem mächtigen Wasserfall der in einer Felspalte verschwindet. Es schneite mittlerweile und ein eisiger Wind machte das Fotografieren zur Tortur. Die meisten Wasserfälle dich ich bisher gesehen habe sind oberflächlig komplett gefroren und das Wasser scheint nur tief im Innern zu fließen und durch den ständigen Wassernebel ist alles in der Umgebung gefroren. Alle Felsen und der gesamte Boden sind von dicken Eisschichten bedeckt. Die eine oder andere Absperrung duckte sich unter mir weg, als ich mich der Kante näherte. Die Nacht fand ich ein ruhiges Plätzchen mit einer verschneiten Zugangsstraße. Zirka zehn Zentimeter Schnee bedeckten den gefrorenen Boden. Nach meinen Experimenten in Norwegen, Schweden und Island, teste ich Straßen immer erst zu Fuß bevor ich Ella auf sie loslasse. Mir kamen heute mehrere SuperJeeps entgegen und zwei davon waren Sprinter mit ca. 1m Bodenfreiheit und riesen Bretreefn perfekt für jede Atlantiküberquerung. Da wird man fast ein bisschen neidisch, aber ich denke dass ich mir in diesem Leben noch einen Unimog zulegen werde. Dann bin ich der König der OffRoads und darf kleine naive Bengels wie mich aus dem Dreck ziehen ohne auch nur in den Allrad schalten zu müssen. Jedenfalls kam ich mit ordentlich Schwung und etwas Glück zu meinem Schlafplatz und fuhr noch ein paar mal vor zurück um den Untergrund ordentlich zu verdichten, damit ich es am Morgen wieder los schaffte. Geiler Tag.